PETER FOELLER
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HISTORISCHES TEXTARCHIV · 2005

Vision – Revision

Dr. Claudia Emmert · 2005

Vision – Revision, Ausstellung Rathaus Königsbach-Stein 2005

Dr. Claudia Emmert, Stuttgart Als Peter Foeller mich vor einigen Monaten fragte, ob ich nicht anlässlich dieser Ausstellung über seine Arbeiten sprechen wolle, habe ich sofort zugesagt – und das nicht nur deswegen, weil er einer der Künstler ist, die vom Kunstkontor des Deutschen Sparkassenverlags vertreten werden. Der bedeutendere Aspekt ist vielmehr, dass Peter Foeller in seinem Werk einen eigenständigen und interessanten künstlerischen Weg gefunden hat, das darzustellen, was unsere heutige Zeit und das Leben des Einzelnen in dieser Zeit prägt.

Vor allem seit Beginn des 20. Jahrhunderts leidet die Betrachtung von Kunst nicht selten darunter, dass sie losgelöst von gesellschaftlichen und politischen Ereignissen und Situationen betrachtet wird. Doch mit der Erfindung der Fotografie hat sich die Kunst lediglich von ihrer abbildenden Funktion befreit. Sie fand aber seither immer neue Wege, ein Spiegel ihrer Zeit zu sein: ganz gleich, ob sie mit dem abstrakten Expressionismus auf die erschütternden Ereignisse des Zweiten Weltkriegs reagierte, oder mit konstruktivistischer Kunst auf die Wirtschaftswunderzeiten der 60er Jahre antwortete oder mit der Pop Art die Revolution der Jugend Mitte der 60er bis Ende der 70er Jahre aufnahm. Kunst ist vornehmlich dann interessant, wenn sich - ganz gleich, ob auf konkrete oder allgemeine Weise - existentielle oder gesellschaftsrelevante Erkenntnisse aus ihr ableiten lassen.

Dies gilt natürlich auch für Peter Foeller und die Werke, die er in dieser Ausstellung versammelt hat. Um uns nun dem zu nähern, was in den Werken von Peter Foeller möglicherweise entdeckt werden kann, lassen Sie mich zunächst einen kleinen Bogen schlagen:

In keiner anderen Zeit war der Mensch einer solchen Geschwindigkeit im Leben ausgesetzt wie heute: Jeder Ort auf der Welt kann von hier aus binnen 48 Stunden erreicht werden. Wir fliegen heute nach Asien und morgen in die USA. Über die Medien stürzen innerhalb von 15 Minuten Bilder von unbekannten weinenden Menschen in Thailand, von Opfern einer Autobombe im Irak, von mächtigen Präsidenten in Amerika und Russland, von Verkehrsunfällen auf Autobahnen in Deutschland oder von aktuellen Sportereignissen irgendwo auf der Welt auf uns ein. Unsere Zeit ist von einem Getriebensein geprägt, das wir mit Schlagworten wie Globalisierung, Medialisierung oder Mobilität zu fassen versuchen. Neben diesen gesellschaftlichen Entwicklungen sind natürlich auch gravierende Auswirkungen in individuellen Lebensbereichen zu verzeichnen. Die Phase, in der wir uns bspw. lebenslang mit einem Arbeitgeber verbunden haben, gehört ebenso der Vergangenheit an, wie oft auch die lebenslange Partnerschaft. Kurz gesagt: Nicht nur die Welt ändert sich in jeder Minute – auch unser eigenes privates Leben kann oft unabsehbaren Änderungsprozessen unterworfen sein. Peter Foeller hat für diesen Aspekt einen schönen bildernischen Ausdruck gefunden: Für ihn ist das Leben eine „Baustelle“, wie er uns mit einem sehr eindrucksvollen Werk hier in dieser Ausstellung vor Augen führt. In diesem wie auch in anderen Bildern des Künstlers sieht man gewaltige Farbfluten, die eine machtvolle Bewegung entwickeln. Aus diesen Fluten heraus entstehen geometrische Gebilde, die der mächtigen farbigen Dynamik zumindest einen Moment lang trotzen, manchmal auch aber auch schon zu wanken beginnen oder gar zu sinken drohen. Die Formen erscheinen wie Metaphern eines Einzelnen, der von äußeren Bedingungen, einer Stimmung, einer Lebenssituation oder einer allgemeinen Befindlichkeit beeinflusst ist. Das Einzelne und damit Individuelle behauptet sich also gegen ein formloses Äußeres und damit auch Zeitlos-Allgemeines. Das machen nicht zuletzt die Titel der Werke deutlich. Als Beispiele sei auf Werkbezeichnungen wie „Titanic“, „Zweifel“, „Wetterwechsel“, „Freude“ oder „Wie geht es weiter?“ hingewiesen.

In seinem Buch „Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch?“ schreibt Rüdiger Safranski, die Voraussetzung für Individualität sei „die Kraft zu einer Selbstbegrenzung, die gewissermaßen als Immunschutz gegen überwältigende Reize und entgrenzende Horizonte wirkt“. Er schreibt weiter: „Von der Kunst lässt sich lernen, wie bedeutsam Einschränkungen und Grenzziehungen sind. Es ist der Wille zur Form, der eine streng umgrenzte Sinnzone schafft, die wir dann Kunst nennen und vom übrigen Alltag unterscheiden. Kunstwerke, die diesen Namen verdienen, sind formal geschlossen und ermöglichen so die Erfahrung von offener Weite in enger Begrenzung. Sie zeigen eine Fülle in der Begrenzung und können deshalb eine Schule für ein Leben sein, das sich nicht verzetteln möchte.“

Genau in diesem Sinne können die Arbeiten von Peter Foeller betrachtet werden. Durch klar abgezirkelte und fest umrissene Formen werden kompositorische Schwerpunkte gesetzt, die dem scheinbar uferlosen Fluss der Farbe entgegenwirken, und somit beim Betrachter eben jene „Erfahrung von offener Weite“ in einer individuell definierten Sinnzone suggerieren.

Lassen Sie mich noch ein Beispiel aus der Literatur anfügen, die Erzählung von Johann Peter Hebel mit dem Titel „Unverhofftes Wiedersehen“. Sie erzählt die Geschichte eines jungen Bergarbeiters, der am Abend vor seiner Hochzeit nicht mehr vom Berg zurückkommt. Seine Braut jedoch kann den jungen Mann nicht vergessen und wartete auf seine Heimkehr – insgesamt 50 Jahre lang. Hebel schreibt:

„Unterdessen wurde die Stadt Lissabon in Portugal durch ein Erdbeben zerstört, und der Siebenjährige Krieg ging vorüber, und Kaiser Franz der Erste starb, und der Jesuitenorden wurde aufgehoben und Polen geteilt, und die Kaiserin Maria Theresia starb, und der Struensee wurde hingerichtet, Amerika wurde frei, und die vereinigte französische und spanische Macht konnte Gibraltar nicht erobern. Die Türken schlossen den General Stein in der Veteraner Höhle in Ungarn ein, und der Kaiser Joseph starb auch. Der König Gustav von Schweden eroberte Russisch-Finnland, und die Französische Revolution und der lange Krieg fing an, und der Kaiser Leopold der Zweite ging auch ins Grab. Napoleon eroberte Preußen, und die Engländer bombardierten Kopenhagen...“

Und in dieser Zeit, in der die Welt von zahlreichen Umbrüchen geprägt war, tat die Braut nichts anderes als auf ihren Bräutigam zu warten. Nach 50 Jahren endlich wurde der Leichnam bei weiteren Bergarbeiten gefunden – und der Wartenden ins Haus gebracht. Der Lebenskreis schließt sich. Krasser kann man den Gegensatz zwischen Weltzeit und eigener Lebenszeit wohl kaum darstellen.

Auffällig ist bei dieser Erzählung unter anderem die zeitliche Rhythmik: Das lange, ruhige Warten wird in Kontrast zur staccatohaften Aufzählung der Weltereignisse gesetzt. Auch an diesem Punkt lassen sich Analogien zum Werk von Peter Foeller ausmachen. So scheint der wilde Strom der Farben eine ganz andere Geschwindigkeit zu haben, als die sich darin befindenden klaren Formen. Das Sausen der amorphen Farben wird gegen Elemente gesetzt, die Ruhe, Beständigkeit und Festigkeit ausstrahlen. Der farbige Zeitraffer – so könnte man sagen – steht in den Bildern kontrapunktisch gegen eine formenbezogene Zeitlupe.

Bleiben wir bei den Bezügen zur Sprache und betrachten wir die Titel der Bilder, die den sensibel-poetischen wie schöpferisch-kreativen Umgang des Künstlers mit Worten verdeutlicht. Der zeitgenössische Betrachter, der sich an das weit verbreitete und vor allem völlig unverbindliche “Ohne Titel“ schon gewöhnt hat, merkt heutzutage besonders auf, wenn Künstler sich entscheiden, einem Werk einen konkreten Namen zu geben, der die Wahrnehmung desselben beeinflusst oder zumindest in eine bestimmte Richtung lenkt. Titel wie “Nestbeschützer” oder “Raumsegel” mögen in diesem Kontext als Beispiele dienen. Es sind metaphernreiche Wortschöpfungen, die einen inhaltlichen Spannungsbogen zu den jeweiligen bildnerischen Werken entfalten. Der Betrachter kann diese Titel als “Lesehilfen” für die Bilder verwenden, die manchmal das vermitteln, was der

Künstler beim Anblick seiner eigenen Werke empfunden hat - die manchmal aber auch aufs Glatteis führen, wenn Titel und Werk sich in nur einer Hinsicht berühren.

Ohne den Titel wäre das Bild mit der Bezeichnung „Möwe“ beispielsweise als rein abstrakte Bildkomposition lesbar, die geometrische Akzente hart gegen amorphe Farbräume setzt. Mit dem Hinweis im Titel erhält das Bild jedoch eine völlig neue Bedeutung: Eine Möwe schwingt leicht über den Wolken – wenngleich sie scheinbar von einer Stange gehalten und von dem rechtwinkligen grünen Farbfeld am freien Flug gehindert wird.

Nicht selten wählt Peter Foeller Titel, die in gewissem Sinne auch eine Antithese zum Gemalten bilden können. Da gibt es beispielweise den “Circus”, der nur bisweilen lustig wirkt: etwa in der arenaartigen Strukturierung der Formen, die das Halbrund der Manege, den Faltenwurf eines Vorhangs oder die Streifen des Zirkuszelts andeuten, sowie in der musikalischen Anordnung der Formen, die mit variantenreich komponierten Elementen einen volkstümlich liedhaften Takt vorzugeben scheinen. Doch bei näherem Hinsehen gewinnt der Betrachter den Eindruck, dass sich die Heiterkeit im Zirkus nur auf den Moment des Auftritts beschränkt, denn eine melancholische Farbstimmung umgibt den unbeschwerten Tanz der Formen - und droht die Szenerie zu bestimmen, sobald das Licht in der Manege erlischt.

Im Triptychon “Geburt - Leben - Tod” erweckt im ersten Bild, der “Geburt”, die aufsteigende Sonne eine vogel- oder schmetterlingsgleiche Form zum Leben, die in ihren wärmenden Farbströmen schwirrend aufzusteigen scheint. Das “Leben” hingegen erweist sich als stolzes und festgefügtes Gebäude mit hohem Turm, das dem Auf und Ab, dem Warm und Kalt der wild wogenden Umgebungsfarben standhält. Im “Tod” erlischt schließlich das Rund der Sonne zum kalten Mond und nachtblau treibt ein Kahn in den glutvollen Wogen der Dunkelheit.

Gegensätzliche Stimmungen kommen in fast allen Werken von Peter Foeller zum Ausdruck. Seine Tagesverfassung spiegele sich in gewisser Weise in den Arbeiten wieder, so der Künstler. Erlebtes, Gesehenes, Gelesenes kommt zur Umsetzung, aktuelle Geschehnisse werden verarbeitet und in Bildnerisches transferiert. Auf diese Weise erzählen die Arbeiten von der Vision, die der Künstler aus unser aller Wirklichkeit schöpft. Die Malerei ist hier also Ausdruck einer zeitgemäßen Wirklichkeitswahrnehmung, die aus dem Chaos des Vielfältigen und aus der Flut der Eindrücke zielgerichtet zu fokussieren vermag, wobei Außenschau und Innenschau, die Welt des Sichtbaren und die Welt des Inneren immer zwei bestimmende Aspekte seiner Darstellungen sind.

Diese werden visualisiert durch die Gegensätze in seiner künstlerische Sprache, dem Wechselspiel von Farbe und Form. Die Bilder verbinden Dionysisches mit Apollinischem, Emotionales mit Rationalem, Materie mit Geist.

Dies tun sie durch den Zusammenschluss formal unterschiedlicher Elemente, expressiven mit konstruktiven, gegenständlichen mit abstrakten. So kann man in den Bildern von Peter Foeller nicht zuletzt auch eine Verarbeitung und Weiterführung der malerischen Errungenschaften der Kunst des 20. Jahrhunderts erkennen, die sich grob auf die Aspekte der Befreiung der Farbe von der Form und die Befreiung der Form vom Gegenstand zusammenfassen lassen. In zwei Bildern dieser Ausstellung gibt der Künstler auch einen unmittelbaren Hinweis auf seine Auseinandersetzung mit den Anfängen der modernen Kunst: In dem Werk “Blauer Reiter”, das Bezug nimmt auf die Münchner Künstlergruppe “Der Blaue Reiter” und speziell auf ein Aquarell von Kandinsky, und in dem Bild “Chateau Blanche”, das auf das “Chateau Noir” von Cézanne referiert.

Zusammenfassend kann durchaus behauptet werden, dass es dem Künstler Peter Foeller in eindrucksvoller Weise gelungen ist, eine Symbiose von konkreter und expressiver Kunst herzustellen. In der gelungenen Verbindung zweier kunstgeschichtlich, vor allem für Deutschland sehr wichtigen Stile, nämlich dem Expressionismus und damit dem Beginn der abstrakten Kunst am Anfang des 20. Jahrhunderts und der konkreten Kunst, die ihre

Wurzeln im Bauhaus hat der 20er Jahre hat und ihre international beachtete Blütezeit in den späten 60er und frühen 70 Jahren erlebte, hat der Künstler es verstanden, einen neuen Weg in der Malerei einzuschlagen und einen eigenständigen Stil zu entwickeln. Dabei werden die formalen Kunstsprachen in ihrer Verbindung mit neuen existentiellen Inhalten aufgeladen. Deutet man die Form als Zeichen des Individuellen und die Farbe als Symbol für das Allgemein-Abtrakte, fühlt man sich beispielsweise an einen schönen Satz von Hegel erinnert: „Der Mensch, insofern er sein will, muß dasein, und zu dem Ende muß er sich begrenzen. Wer gegen das Endliche zu ekel ist, der kommt zu gar keiner Wirklichkeit, sondern verbleibt im Abstrakten und verglimmt in sich selbst.“

Aber vielleicht ist eine solch kunstgeschichtliche Einordnung für den Betrachter gar nicht so wichtig. Denn der eigentliche Zauber der Bilder von Peter Foeller liegt vor allem darin, dass sie einen neuen Blick auf Bekanntes und Vertrautes möglich machen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

© Claudia Emmert, Stuttgart 2005

Historischer Text aus dem archivierten Originaldokument. Die Zeilenumbrüche wurden für die Bildschirmdarstellung angepasst; der Inhalt wurde nicht redaktionell umgeschrieben.
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